Über Geld, Konsum, Vorfreude und die Frage, warum wir Dinge manchmal mehr schätzen, wenn wir sie uns nicht sofort leisten können.
Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern, als meine erste Spiegelreflexkamera bei mir ankam. Ich hatte monatelang gespart, immer wieder Testberichte gelesen, mir ausgemalt, welche Fotos ich damit machen würde. Als das Paket dann endlich da war, bin ich sofort mit der Kamera losgezogen. Ich habe siegeliebt. Nicht nur, weil sie gut war, sondern weil so viel Vorfreude und Geduld in ihr steckten. Und auch der Stolz: Endlich habe ich meine eigene digitale Spiegelreflexkamera und muss mir keine mehr leihen.
Heute, ein paar Gehaltsstufen weiter, kann ich mir Kamera-Equipment kaufen, ohne lange nachzudenken. Ab in den Warenkorb, zahlungspflichtig bestellen geklickt, fertig. Und genau das beschäftigt mich gerade: Macht uns das eigentlich glücklicher? Oder sogar undankbarer?
Der Auslöser (pun intended)
Ich höre gerade einen Podcast über Konsumpsychologie und damit verbunden Vorfreude, und der hat bei mir einen wunden Punkt getroffen. Denn ich habe mir zuletzt wieder neues Equipment gekauft. Man kennt es. Dinge, die ich, ehrlich gesagt, nicht zwingend gebraucht hätte. Und das hat mich zu der Frage gebracht: Verliert Geld irgendwann seine Kraft, uns Freude zu schenken, wenn wir einfach genug davon haben?
Als ich meine erste Kamera kaufte, war das eine Rieseninvestition. Jeder Euro musste erst verdient werden, bevor er ausgegeben werden konnte. Der Kauf war kein spontaner Moment, sondern das Ergebnis eines längeren Prozesses: sparen, abwägen, warten. Und genau dieser Prozess hat den Gegenstand am Ende so wertvoll gemacht. Die Kamera war nicht einfach nur ein Ding. Sie war ein kleiner Erfolg.
Später, mit dem ersten eigenen Gehalt, kam ein neues Gefühl dazu: die Freiheit, einfach klicken zu können. Kein Abwägen mehr, ob das Geld nächsten Monat für etwas anderes gebraucht wird, schließlich kommt ja wieder Gehalt. Dieses Gefühl war am Anfang selbst schon berauschend.
Der Gewöhnungseffekt
Ich glaube, genau hier beginnt die Abstumpfung. Je mehr man verdient, desto kleiner wird die gefühlte Bedeutung eines Betrags. 1.000 Euro für eine Kamera sind für jemanden mit wenig Geld eine enorme Entscheidung, die dann wiederum auch mit viel Vorfreude, viel Recherche, vielleicht auch etwas Bangen einhergeht. Für jemanden, der monatlich mehrere Tausend Euro verdient, sind dieselben 1.000 Euro oft nur noch eine Zahl unter vielen.
Irgendwann landet man in der sogenannten hedonistischen Tretmühle: Wir gewöhnen uns an ein neues Wohlstandsniveau, und das, was uns früher besonders glücklich gemacht hat, wird zur Normalität. Der Effekt verpufft schneller, die Schwelle für „das nächste kleine Glück“ verschiebt sich immer weiter nach oben. Das ist doch irgendwie traurig, oder?
Und das ist noch nicht alles. Was mir bei dieser ganzen Überlegung besonders auffällt: Es ist nicht nur der Preis, der den Unterschied macht. Es ist die Zeit zwischen Wunsch und Erfüllung. Wenn ein Kauf sofort möglich ist, fällt genau dieser Zwischenraum weg, in dem Vorfreude überhaupt erst entstehen kann. Und ohne Vorfreude fehlt am Ende auch ein Stück der Bindung zu dem, was wir uns gekauft haben.
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt: Nicht das Geld selbst macht uns undankbarer, sondern der Wegfall des Wartens.
Und jetzt?
Tatsächlich bin ich seit Hören des Podcasts etwas achtsamer. Ich wäge mehr ab, ob ich die neue Kamera wirklich möchte, oder was ich vielleicht stattdessen durch den Kauf zu kompensieren versuche. Denn das ist es doch auch oft letztendlich: irgendwas überdecken, irgendeine Freude machen. Auch wenn sie nur kurz anhält.
Und dazu fällt mir dann wieder dieses wohlbekannte Zitat aus einem sehr tollen Film ein:
Von dem Geld, das wir nicht haben, kaufen wir Dinge, die wir nicht brauchen, um Leuten zu imponieren, die wir nicht mögen.
Fight Club
Passt nicht hundertprozentig, aber ihr versteht sicher, was ich meine.
