Früher fühlte sich das Internet wie ein riesiges, buntes Wohnzimmer und sehr aufregend an. Ein Ort, an dem ich Menschen traf, die genau so tickten wie ich. Als nerdigeres Mädchen aus einer Kleinstadt war es ein tolles Erlebnis, dass da draußen noch mehr sind, wie ich. Mit ähnlichen Interessen. Menschen, von denen ich noch lernen konnte und von denen ich nicht wie ein Fremdkörper beäugt wurde. Haben Blogs erstellt, unser Leben gezeigt und Erlebnisse geteilt. Wir sind zusammen groß geworden und haben die ersten Gehversuche auf Social Media gemacht, als Instagram noch wie ein echtes Fototagebuch war. Diese Frauen im Netz waren meine Vorbilder. Sie waren unabhängig, kreativ und schienen die Welt mit ähnlichen Augen zu sehen. Doch irgendwann passierte es: Eine nach der anderen wurde schwanger.

Plötzlich verschob sich der Fokus. Aus ästhetischen Fotos und einem Alltag, mit dem ich mich identifizieren konnte, wurden Babypartys, Meilensteinkarten und Elternsorgen. Ich verstehe das natürlich. Das Leben verändert sich. Trotzdem fühlte es sich für mich an, als hätte ich meine Wegweiser verloren. Es ist, als wären alle erfolgreichen Frauen im Netz irgendwann biologisch „gleichgeschaltet“, sobald ein Kind da ist. Das Individuelle, das mich früher so fasziniert hat, verschwand für mich zunehmend in einem Einheitsbrei.

Das Gleiche beobachte ich in meinem privaten Umfeld. Wenn ich mich heute mit Freundinnen treffe, gibt es wesentlich weniger echte Erwachsenengespräche, weil sich vieles nur noch um die Kinder dreht. Es ist schmerzhaft, zuzusehen, wie Freundschaften leise wegbrechen, weil die Lebenswelten nicht mehr zusammenpassen. Ich sitze dann oft in meinem Arbeitszimmer, in dem immer noch diese Umzugskartons stehen, die mich mahnend an alles Unfertige erinnern, trinke meinen Kaffee und frage mich, wo sie geblieben sind: die Menschen, die einfach nur sie selbst sind. Diejenigen, die sich weder über ihre Rolle als Elternteil noch über eine künstliche Instagram-Performance definieren und allen digitales Nomadentum aufoktroyieren, um vermeintlich glücklich zu sein.

Denn das ist dann die andere Seite der Medaille: Diese ständige, laute Selbstoptimierung. Aus den kreativen Tagebüchern von früher wurden Ratgeber-Kanäle für angehende Unternehmer:innen. Überall wird mir erklärt, wie ich noch effizienter arbeite, noch freier lebe und noch mehr aus mir heraushole. Die Nahbarkeit ist einer glatten Performance gewichen. Mir fehlen die Menschen, die einfach nur von ihrem Alltag erzählen, ohne mir gleichzeitig ein Coaching oder ein neues Lebensmodell verkaufen zu wollen.

Wenn man nicht gerade Windeln wechselt, soll man bitteschön die Welt bereisen, passives Einkommen generieren und sein Leben als „Digital Nomad“ perfekt inszenieren. Als gäbe es kein Dazwischen mehr. Als wäre ein Leben, das auf Beständigkeit, einem festen Schreibtisch und einem Feierabend im eigenen Garten fußt, nicht mehr „genug“. Aber ich will gar nicht zwingend weg. Ich will eigentlich nur ankommen.

Oft wird mein 9-to-5 Job mitleidig belächelt, dabei ist er für mich das genaue Gegenteil von Enge. Er ist der Anker, der mir erst die Ruhe schenkt, am Feierabend einfach nur ich zu sein, ohne mein gesamtes Leben vermarkten zu müssen. Ich passe in keine dieser modernen Schubladen. Ich kann mich nicht mit den Accounts identifizieren, deren Universum nur noch um den Nachwuchs kreist, aber ich finde mich auch nicht bei denen wieder, die ihre Kinderlosigkeit zum lautstarken Manifest erheben. Ich suche nicht nach der nächsten Rebellion, sondern nach einer leisen Normalität.

Vielleicht ist das die eigentliche Herausforderung: Vorbilder zu finden, die zeigen, dass ein „einfaches“ Leben wertvoll ist. Dass man keine Weltreise und keine Elternschaft braucht, um eine Geschichte zu erzählen. Es ist okay, dass mein Alltag aus der Arbeit im Homeoffice, dem Gärtnern auf meiner Dachterrasse und dem Lesen besteht. Wenn ich meine Kamera in die Hand nehme oder beobachte, wie die neuen Pflanzen (naturnah, insektenfreundlich!) auf meinem Balkon langsam wachsen, spüre ich dieses Glück im Kleinen. Es ist ein unspektakuläres Leben, ja, aber es ist meines. Und dieser Raum zwischen den Extremen, so einsam er sich manchmal anfühlt, ist genau der Ort, an dem ich endlich aufatmen kann.

Dieser Artikel hat 1 Kommentar

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  1. Oh ja.
    Ich kann das nachvollziehen. Von der anderen Seite aus.
    Aus Freundinnen, Partnerinnen, Geliebten werden plötzlich Mütter und die muss man noch mit 1-2-3 anderen Familienmitgliedern teilen. Selbst wird man mit neuen Aufgaben und Herausforderungen konfrontiert. Zeit für die Hobbies nehmen ab, der Bauch nimmt zu und es gibt einfach nix mehr spannendes zu erzählen. Man fängt an zu schweigen. Zuhause. Auf dem Blog. In den Social Media. Und was bleiben sind die lauten Mattcha-Latte-Mamas mit Geschichten von denen vermutlich nur die Hälfte stimmt, weil deren Alltag und unser Alltag vermutlich gleich aussieht.
    Das Glück wohnt in den kleinen Dingen. Dinge auf die man sich fokussieren kann. Mit Hingabe. (Nein – ich schreibe absichtlich nicht „Achtsamkeit“).
    Seltener ist das Glück darin zu finden anderen nachzueifern. Weil es ist deren Weg, ich nicht meiner.
    Beachtlich ist was passiert, wenn die Kinder flügge sind und man plötzlich mit 50++ dasitzt, ohne Hobbies, ohne Freunde. Aber eben mit Bauch. 😉
    Bleib dir treu.

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